Tinzenhorn - Zügenschlucht bei Monstein, 1919/20 Öl auf Leinwand, 119 x 119 cm Gordon 578
Zum Entstehungsprozess dieses Bildes notierte Kirchner am 10.08.1919 in seinem Tagebuch: "Ich träume ein Tinzenbild, im Abendrot, nur der Berg, blau gegen blau, ganz einfach. Zeichnungen sind viele dafür da." Und schon am 14.08.1919 folgte der Eintrag: "Tinzen versucht auf 120:120. Composition gelungen. Farbe und Form ganz verwachsen."
Innerhalb kürzester Zeit entstand also dieses Gemälde, das sicherlich im Atelier auf Grund von Skizzen gefertigt wurde. Der Blick auf den Landschaftsausschnitt ist denn auch nur an die Situation angelehnt; Aussehen und Position des Tinzenhorns erscheinen gegenüber der realen Landschaft betont. Das Tinzenhorn sollte das Werk Kirchners von nun an als landschaftlicher Fixpunkt begleiten. Zum einen besticht dieses Bergmassiv - das nicht zur Davoser Landschaft gehört - durch seine prägnante Form; zum anderen erschien es Kirchner als natürlich gegebene Hieroglyphe, als Kürzel dessen, was er, der Städter, unter einem Berg verstand: schroff und steil in den Himmel ragend, eine ganze Landschaft dominierend. Das Tinzenhorn war für Kirchner zum Zeichen einer Landschaft geworden, die er ab 1919 beständig in seinen Bildern zitierte.
Davos mit Kirche; Davos im Sommer, 1925 Öl auf Leinwand, 121 x 170,5 cm Gordon 815
Das Bild zeigt einen Blick auf den Kurort Davos, dessen Erscheinungsbild - ganz im Gegensatz zu anderen alpinen Orten - bereits von der modernen, vom Davoser Architekten Rudolf Gabarel eingeführten Flachdacharchitektur geprägt wurde. Der Blick führt von Norden über den damaligen Kurpark hinweg nach Davos Platz. Der Mittelgrund wird beherrscht von den architektonischen Kuben, deren pastellene Färbung sich an die damalige Farbgebung der Häuser anlehnt. Dominiert wird die Mittelzone durch die Kirche St. Johann, deren Schindelholzdach, das sich um die eigene Achse gedreht hat, gleichsam in einer schraubenden Bewegung Erde und Himmel verbindet; eine Funktion, die sonst in den Landschaftsbildern meist dem Tinzenhorn vorbehalten war. Durch den Gleichklang der Farben der im Hintergrund dargestellten, das Landwassertal begrenzenden Bergrücken mit der Farbigkeit des Parks im Vordergrund wird die städtische Architektur gleichsam zur Barriere, welche zwei Naturzonen voneinander trennt.
Sertigtal im Herbst, 1925/26 Öl auf Leinwand, 136 x 200 cm Gordon 820
In den Jahren 1918 und 1926 formulierte Kirchner einige grandiose Denkmäler der Davoser Landschaft. "Sertigtal im Herbst" - eines der Hauptwerke aus der Reihe der Landschaften - präsentiert das Panorama des Landwassertals und des von diesem abzweigenden Sertigtals. Ein Blick, der sich dem Künstler täglich von seinem zweiten Davoser Wohnsitz, dem Wildbodenhaus, aus bot. Stellvertretend für den Künstler blicken die von ihm geschnitzten Holzfiguren, bäuerliche Gestalten, auf die Landschaft, die im Hintergrund von einem markanten Bergmassiv abgeschlossen wird. Diese Zaunfiguren, die tatsächlich aufgestellt waren und die der Künstler um 1937/38, nicht zuletzt auf Grund eines neuerlichen psychischen Zusammenbruchs, teilweise zerstörte, markieren das Gebiet des "Künstlerfürsten", der auf sein kleines, aber um so monumentaleres Reich blickt.
Brücke bei Wiesen, 1926 Öl auf Leinwand, 120 x 120 cm Gordon 844
Eines der letzten grossen Bergbilder Kirchners ist "Die Brücke bei Wiesen", nach 1926 malte er kaum mehr reine Berglandschaften. Im Gegensatz zu den meisten Bergbildern der Frühzeit zeigt Kirchner uns hier die vom Menschen und der Technik bezwungene Bergwelt. Das Grandiose des Bildes besteht in diesem Falle weniger in der Majestät der Berge; der kühne Schwung der Brücke beherrscht sowohl die reale Landschaft als auch die vom Künstler gegebene Komposition. Eindrucksvoll bleibt weiterhin der Farbenreichtum der Natur; allerdings vor allem als visueller Gegenpart zur monolithischen Festigkeit der Brücke. Ein Grund für den Verzicht auf weitere grossformatige Landschaften mag die Tatsache sein, dass sich Kirchner seiner eigenen Stellung in der modernen Kunstgeschichte äusserst bewusst war und versuchte, einen Ruf als Landschafts- oder gar Heimatmaler zu vermeiden. Malerisch deutet die flächige und summarische Gestaltung bereits auf die folgenden Jahre.