Aktuelle Austellung

Alles Kirchner!

Das Museum als Wunderkammer.

5. Juni – 6. November 2016

Lehrer Florian Bätschi mit Schulkindern, 1936

Café am Morgen, 1935

»Wieviel Raum braucht ein Bild zum Atmen?»
[Brian O’Doherty, In der weißen Zelle. Inside the White Cube, Berlin 1996]

Die Ausstellung »Alles Kirchner! Das Museum als Wunderkammer« will ein anspruchsvoll inszeniertes Panorama der weltweit umfangreichsten und einzigartigen Kirchner-Sammlung bieten. Dabei wird auf das Prinzip der Salonhängung zurückgegriffen, die die Wandfläche maximal ausnutzt.
Eine neutrale Hängung gibt es nicht. Die Geschichte der Anordnung von Bildern im Ausstellungsraum ist schillernd. Sie dokumentiert den Wandel von Kunstauffassungen und Bildverständnissen genauso wie politische und ökonomische Motive von Sammlern, Galeristen und Kuratoren. In den 1920er Jahren taucht erstmals das Ausstellungskonzept der nüchtern weissen Wand auf, das sich in der Folge als prägendes Erscheinungsbild der meisten Museen durchsetzen sollte.
Die Präsentation im Kirchner Museum Davos versteht sich als kritische Reflexion der Wahrnehmungsgewohnheiten von Kunst. Sie beschränkt sich nicht auf die klassischen Werkgruppen Malerei, Druckgrafik, Zeichnung, Fotografie und Skulptur, sondern zeigt auch eine Auswahl von Kirchner-Reliquien aus der Sammlung des Museums. Dazu gehören beispielsweise Kirchner Druckstöcke, Kirchners Tagebuch, Kirchners Bogen, Kirchners Postkarten, Kirchners Fingerabdruck, Kirchners Aschenbecher, Kirchners Signaturen, Kirchners Absinthe-Flasche, Kirchners Morphium-Ampullen, Kirchners Pistole, Kirchners Krankenbericht, Kirchners Rechnungen, Kirchners Steuerauszüge, aber auch Rudolf Gaberels letztes Foto des aufgebahrten Künstlers und vieles mehr, was bislang noch nicht oder nur sehr selten das Licht der Ausstellungssäle erblickt hat.
Die Ausstellung fragt nach dem Wert des Originals und zeigt Dinge, die Kirchner berührt und geschaffen hat. Sie spannt den Bogen von Berührungsreliquien bis hin zu letzten Dingen wie der Pistole, mit der Kirchner sich erschossen hat, und beschäftigt sich mit der Aura von Artefakten, Fundstücken, Gegenständen und Dokumenten, die mit der Künstlerpersönlichkeit in Beziehung stehen. Die Ausstellung untersucht ferner »Wer war Louis de Marsalle?« und stellt damit die Frage nach Kirchners Alter Ego, das immerhin 13 Jahre lang die Zeitgenossen beschäftigte und ein sehr originelles Marketing in Sachen Kirchner betrieb.
Das 18. Jahrhundert erfand das »Originalgenie«, jenes einzigartige, unerreichbare und nicht selten auch sehr unglückliche höhere Wesen, das uns die Welt und das Dasein besonders erscheinen lässt. Das Wort »Originalgenie« ist vielleicht zu Recht aus der Mode gekommen, geblieben ist jedoch die herausragende Künstlerpersönlichkeit, deren Originalität es zu verstehen gilt. In diesem Sinne werden die Mythen, die sich um die Künstlerpersönlichkeit Ernst Ludwig Kirchner ranken, auf den Prüfstand gestellt.

Aktuelle Austellung

Rupprecht Matthies

Rupprecht Matthies feat. Kirchner. Wortwechsel zwischen Kunst und Leben.

5. Juni - 6. November 2016

Der Hamburger Künstler Rupprecht Matthies gestaltet ein raumfüllendes Wortkunstwerk aus Briefen und Texten von Ernst Ludwig Kirchner. Seine Wortkunst tritt als aus Plexiglas gesägter Schriftzug an der Wand auf oder als freischwebendes Mobile im Raum oder als Stahlskulptur, die sich auf dem Fussboden entfaltet.

Rupprecht Matthies (*1957) hat zunächst Soziologie an der Universität Hamburg und anschliessend Kunst an der Hochschule für bildende Künste in Hamburg studiert. Er ist Preisträger des sächsischen Kunstpreises für Toleranz und Demokratie. Matthies hat seine künstlerische Laufbahn als Maler begonnen; 1996 entstanden dann die ersten Wortskulpturen und Wortmobiles. Seine Arbeiten sind international gefragt und wurden unter anderem im Denver Art Museum, dem Museum Moderner Kunst Kärnten, Klagenfurt und der Hamburger Kunsthalle ausgestellt.

Rupprecht Matthies ist im hohen Masse an Menschen, an Kommunikation und an sozialer Interaktion interessiert. Der studierte Soziologe sieht sich als künstlerischer Dienstleister, der damit beauftragt wird, sozialen und kommunikativen Prozessen Plastizität und Ausdruck zu verleihen. Rupprecht Matthies‘ Ansatz ist konstruktiv; er will mit seiner künstlerische Tätigkeit positiv und emanzipatorisch wirken, er will verbessern und gestalten.

In Matthies‘ Textbildern finden Sprache und Schriftbild einerseits und Malerei, Zeichnung und Skulptur andererseits zueinander. Die Pointe besteht allerdings darin, dass Matthies die Wortschöpfungen häufig den Anderen überlässt und sich ganz auf die plastische Gestaltung und Choreografie der Worte konzentriert. So verhält es sich auch bei seinem Wortwechsel mit Kirchner, dessen Texte, Briefe und Postkarten die Vorlagen liefern, aus denen Matthies seine Ausstellung entwickelt: Besondere Worte, spezielle Ausdrücke, Widmungen, Bemerkungen über Künstlerkollegen und Gedanken zu seinem Leben werden aus der Korrespondenz von Ernst Ludwig Kirchner herausgefiltert und in Wandarbeiten und Skulpturen übersetzt. Matthies betreibt somit eine Spurensuche in dem Werk, dem Leben und der Seele des historischen Künstlers und spiegelt die Gedanken und Botschaften des Vorgängers in seinem eigenen Werk.

Matthies ist ein Meister partizipatorischer Kunstprojekte: Das klassische Rollenspiel von Werk, Künstler und Betrachter wird in seinen Projekten gründlich durcheinandergebracht, da die künstlerischen Manifestationen immer eine gemeinschaftliche Angelegenheit gegenseitiger Einflussnahme und Kommunikation sind. Matthies ist ein heiterer Aufklärer, der an einem visuellen Universalwörterbuch zu arbeiten scheint und an die heilende Kraft der Worte glaubt. Seine Buchstabentänze setzen Vorstellungen und Sehnsüchte frei und spiegeln kurze Momente des Lebensgefühls und des Zeitgeistes. Kunst und Leben sind bei ihm untrennbar miteinander verwoben und darin besteht nicht zuletzt auch die Gemeinsamkeit mit Ernst Ludwig Kirchner.